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Synapsenkitzler Interview zu Frazy, Festivals & Musik

Ein ausführliches Interview von planet-interview.de (Jakob Buhre) mit Synapsenkitzler über das Lied „Frazy“, die Ereignisse auf der Fusion 2010, Computersounds, Live Auftritte, ko(s)mische Musik, Projekte und Ideen.

Herr Synapsenkitzler, wann und wie genau entstand „Frazy“, in welchem Kontext, zu welchem Zweck?

Ich mache neben dem Job und ernsthafter auch viel lustige, skurrile Musik, z.B. wenn Freunde Geburtstag haben, oder einfach aus der Laune heraus. Irgendwann habe ich einiges davon unter dem Namen Synapsenkitzler (der, der deine Synapsen kitzelt) gemacht und die Lieder auf die Webseite www.synapsenkitzler.de gestellt.

Wie gelangte das Stück auf das Fusion-Festival 2010?

Ich habe mittlerweile den DJ (Mull aus Hamburg) der es auf der Fusion als erster aufgelegt hat, ausfindig gemacht. Er hat Frazy vor einiger Zeit auf der Synapsenkitzler Webseite entdeckt, und dann das Lied auf einigen Partys gespielt. Die Leute wollten, dass er es immer wieder spielt. Auf dem Fusion-Festival hat er an einer Bar vor der Tubebox (eine der Bühnen) aufgelegt. Er hatte sich eigentlich ein DJ-Set zusammengestellt, die Leute wollten aber nur Frazy hören.

Zunächst lief es Samstag Nachmittag ca. eine Stunde durchgehend, nur von seinen lustigen Kommentaren unterbrochen. Dann nachts ca. sechs Stunden. Und die Leute haben dazu extrem abgefeiert. Ich habe den Ablauf mit Videos und Zitaten von Festivalbesuchern, auch von den anderen Festivals wo es seit dem auch läuft, auf meiner Website zusammengestellt. Vor allem die Videos, als gegen 5.30 Uhr am Sonntag Morgen im Sonnenaufgang Hunderte Leute Frazy singend und tanzend von der Tubebox zur „Bachstelzen“-Bühne ziehen, um dort Cosmic DJ (International Pony) zu überreden, es auch zu spielen, sind sehr beeindruckend.

Was sagen Sie zu Vermutungen, das entstandene Happening sei – zumindest teilweise – inszeniert gewesen?

Ich höre das erste Mal von dieser Vermutung. Ich selbst wusste von nichts, war nicht dabei und habe erst am Montag danach davon erfahren, als mich jemand per Email fragte wo man dieses Lied bekommt, das mehrere Stunden auf dem Festival lief. Ich hielt es erst für einen Scherz oder eine Verwechslung. Ich denke, so etwas kann man nicht inszenieren. Es lebt von dem Zufall, der Spontaneität und vor allem der Authentizität. Und insbesondere auf dem, wie ich mittlerweile weiß, nicht kommerziell ausgerichteten Fusion-Festival sind zweckentfremdete, kommerzialisierte Aktionen nicht denkbar.

Wie erklären Sie sich die Geschehnisse auf dem Fusion-Festival und die spätere Verbreitung des Songs auch auf andere Festivals?

Ich vermute, der Funke ist einfach übergesprungen, vor allem dadurch, dass Leute es weitererzählt haben. Und auch weil es so viele Videos auf Youtube gibt, wo man sieht wie die Leute zu Frazy feiern, Spaß haben und lustige Sachen machen. Vielleicht wie eine Art musikalisches Jo-Jo.

„Frazy“ erinnert stark an Sounds aus Computerspielen der 80er und 90er Jahre. War der Song so erfolgreich, weil er vor allem Kindheitserinnerungen der 25 bis 40-Jährigen antriggerte?

Ich denke es liegt vor allem daran das es ko(s)mische Musik ist.

Das müssen Sie erklären. Was hat der Kosmos damit zu tun?

Ich mag Wortwitze. Von mir aus aber auch kosmisch weil es diesen positiv durchgeknallten Charakter hat. Und in dem Lied Lustig Wandern vom Synapsenkitzler geht es darum, dass ein Alien auf die Erde kommt, fröhlich gelaunt durch die Gegend wandert und lalala singt.

Keine Band der Welt kann ein und denselben Song 100mal hintereinander spielen, ohne dafür vom Publikum ausgebuht zu werden. Welche Songeigenschaft führte dazu, dass die Festival-Besucher „Frazy“ mehrere Stunden hintereinander hören konnten, ohne dass es irgendwelche Abnutzungserscheinungen gab?

Vielleicht ist es die fröhliche, eingängige Melodie und die positive, schräge Ausstrahlung von Frazy, die evtl. einen bestimmten Humor oder Zeitgeist trifft.

Aber auch nicht jeder lustige Song funktioniert in Dauerrotation. Liegt es vielleicht an den simplen Computersounds? An der überschaubaren Harmoniestruktur?

Ich möchte Frazy eigentlich nicht zu sehr analysieren, theoretisieren und überhöhen, sondern einfach so nehmen wie es ist. Die Sounds, die an 80er Computerspiele erinnern, spielen sicherlich eine Rolle. Ein bisschen geht es ja in die 8-bit Richtung. Der prägnante Melodiesound stammt aus einem emulierten SID-Chip, das ist der Soundchip der in den ersten populären Heimcomputern (Commodore 64 usw.) benutzt wurde. Ja, Frazy ist schön einfach, das kann jeder mitsingen, nachspielen, wie man auch in dem Video „How to play Frazy on keyboard“ sehen kann. Ich freue mich übrigens sehr, wenn Leute oder Bands Frazy nachspielen und mir den Videolink mailen.

Photo aus einem Video vom Fusion Festival

Video screenshot Frazy Fusion Hymne 2010 - The takeover of the Bachstelzen Floor
Frazy auf dem Fusion Festival - Videos und Infos anschauen

Welche Rolle spielte, dass viele Festival-Besucher sich womöglich in einem alkoholisierten, berauschten Zustand befanden?

Vermutlich wäre das ein wie auf vielen Partys und Festivitäten fördernder Umstand.

Wie definieren Sie einen Hit? Welche Eigenschaften braucht ein Song, um möglicherweise ein Hit zu werden?

Als Hit wird ein staccato-artiger, sehr kurzer, nur 1-2 Sekunden dauernder, schlagender Sound bezeichnet. Sehr bekannt ist z.B. der orchestral Hit v.a. in der Hiphop-Sampletechnik der frühen 80er. Man müsste also einen Song z.B. per extremem Timestretching entsprechend stark verkürzen bzw. stauchen, um daraus einen solchen Hit zu machen.

Aber solch ein Hit wird es schwerlich ins Radio oder in die Charts schaffen. Ich dachte eher an einen Song von etwa drei Minuten Länge. Was braucht es da, damit sich ein Musikstück in den Gehörgängen festsetzt?

Das kommt auf den Sender oder die Charts an. Dank dem großartigen Internet gibt es kaum ein Interesse, das nicht bedient wird bzw. sich nicht selber bedient. Eine Stärke des Internet ist ja, dass man im Gegensatz zu den alten Medien wie TV usw. selbst zum Inhalte- und Programmgestalter werden kann. Ich habe auf der Synapsenkitzler-Webseite auch den Bereich „Bonbons für deine Synapsen“, wo ich ausgesuchte skurrile, lustige, wichtige Webfundstücke aus dem Internet vorstelle.

Eine ernsthafte Antwort, was einen Hit ausmacht, fällt mir schwer, auch weil ich mich mit Charts usw. nicht auseinandersetze, weil ich dort nur sehr selten Musik finde die mich anspricht oder inspiriert. Vermutlich sollte Hitmusik einen hohen Wiedererkennungseffekt haben und irgendwie besonders berühren. Wer mehr darüber wissen möchte, kann das unterhaltsame und kritische Buch „Der schnelle Weg zum Nr. 1 Hit“ von KLF lesen.

Im normalen Leben sind Sie Sounddesigner, kreieren Film- Werbe- Hörspiel- & Bühnenmusik. Welche Erkenntnisse haben Sie für Ihre Arbeit durch den „Frazy“-Erfolg gewonnen, in Bezug auf Sounddesign, Hörgewohnheiten etc.?

Anstelle von Erfolg würde ich eher davon sprechen, dass das Lied immer mehr Menschen Spaß macht. Eine mögliche Erkenntnis wäre: Mach weiterhin woran du Freude hast.

Wie geht die „Frazy“-Geschichte weiter? Gab es Angebote für Veröffentlichungen? Wird es 2011 einen Fusion-Auftritt des Synapsenkitzlers geben?

Ich bekomme nach wie vor Mails, dass der Track auf Festivals lief, von denen ich noch nichts wusste. Scheinbar regt das Lied dazu an, mit mehreren Leuten kreativen Spaß zu haben. Das gefällt mir am besten an dieser ganzen Frazy-Geschichte. Zum Beispiel der als Affe kostümierte Spaßvogel neulich, der während einer Vorlesung in der Uni Rostock zu Frazy tanzt und Späße mit dem Dozenten macht. Oder dass ein Demonstrant und ein Polizist auf der Castor-Demo zusammen gelacht haben weil sie beide das Lied als Klingelton hatten. Leute feiern zu Frazy oder machen lustige Aktionen, filmen sich dabei und mailen mir den Video-Link, und ich zeige das dann auf der Synapsenkitzler Webseite und auf der Synapsenkitzler Facebookseite wo ich mich fast jeden Tag mit den Leuten austausche.

Ja, es gibt Angebote. Ich muss mir in mehrfacher Hinsicht noch überlegen wo ich mit Synapsenkitzler hin will.  Ich würde gerne auf der Fusion auftreten, das hängt natürlich davon ab, ob ich gefragt werde. Man sollte aber nicht versuchen das aus 2010 noch mal zu wiederholen. Zum einen wären die Erwartungen zu hoch, zum anderen ist es nicht plan- bzw. wiederholbar und würde vermutlich auch dem Charakter der Fusion widersprechen. Ich selbst war leider noch nicht auf dem Festival, habe aber viel Gutes gehört. Vielleicht klappt es ja 2011 mit meinem Projekt Magic Mushroom Orchestra (elektroakustischer psychedelic Triphopjazz), da gab es für 2010 bereits eine Anfrage.

Ich überlege auch, einem Veranstalter und dem Alfred Wegener Institut (AWI) die Idee vorzuschlagen, auf einem Festival ein Chillout-Zelt zu installieren, in dem man live Geräusche aus dem antarktischen Ozean hören kann. Das AWI bietet auf seiner Webseite die PALAOA-Liveübertragung an, wo von einem unbemannten Forschungscontainer auf dem Schelfeis alle akustischen Signale aus der Unterwasserwelt übertragen werden. Z.B. singende und kollidierende Eisberge, Eisreiben, abbrechendes Schelfeis, unbekannte Klangquellen, Wale, Robben usw. Das ist echt abgefahren und klingt wie ein Science-Fiction-Soundtrack, und es steht auch symbolhaft für einen bestimmten Kontext. Vielleicht wäre auch das was für die Fusion. Ich könnte mir auch vorstellen mit dem auf elektronische Musik/Sounds ausgerichteten Projekt Cpt. Asteroid diese Klangquelle als Ausgangsmaterial für live erstellte Soundbearbeitungen zu nehmen.

Können Sie „Frazy“ eigentlich selbst noch hören, oder haben Sie sich den Song ‚überhört’?

Haha. Ich habe schon seit langer Zeit die Idee, ein Musikstück in möglichst vielen unterschiedlichen Stilistiken und Arrangements zu produzieren, wie z.B. Metal, Ska, House, Dub, Kinderlied, a cappella, Drehorgel, Weltmusik, mittelalterlich und klassisch orchestriert. Ich bin dabei verschiedene neue Versionen von Frazy zu machen, zuletzt eine Akkordeon-Tuba-Polkaversion. Zu Weihnachten habe ich ein Video veröffentlicht, in dem der Synapsenkitzler Flashmops Frazy singt bzw. bellt. Spannend wäre sicher auch eine Version von Frazy vom Wiener Gemüseorchester. Die benutzen Gemüsesorten als Musikinstrumente. Und eine Platte, auf der (un)bekannte Künstler aus unterschiedlichen Sparten Frazy interpretieren. Hauptsache cool und originell.

Das Interview führte Jakob Buhre von planet-interview.de

Siehe auch Berichte und Videos

von Frazy auf dem Fusion Festival und allen Frazy Festival Partys.

Synapsenkitzler music videos